Langzyklus und Langzeiteinnahme

   

In den letzten Jahren hat sich ein Wandel in den Ansichten zur Menstruation vollzogen. Eine Ursache dafür dürfte sein, dass in Folge der Evolution die Menarche früher eintritt, die fruchtbare Phase der Frau sich verlängert und gleichzeitig die Anzahl der Schwangerschaften, Geburten und Stillperioden in den letzten 100 Jahren rapide abgenommen hat, und dadurch die Frauen mehr Menstruationen durchleben. Anthropologische Schätzungen ergaben, dass die moderne Frau in den Industrieländern während ihrer fertilen Phase bis zu 450 ovulatorische Zyklen hat, während die Frau in Jäger-Sammler-Gesellschaften etwa auf 160 Zyklen kam . In Umfragen (EMNID, 2001) haben die betroffenen Frauen geäußert, dass ein großer Teil von ihnen gerne teilweise oder ganz auf die Menstruation verzichten würde. Aber auch Kliniker, Forscher und Sozialwissenschaftler sind der Meinung, dass die monatliche Menstruation nicht mehr notwendig sei und vor allem Risiken für die Frauen in sich berge. Verwiesen wurde darauf, dass prämenstruelles Syndrom, Dysmenorrhö, Uterus myomatosus, Endometriose und andere Erkrankungen durch die Unterdrückung der Menses vermeidbar sind und die Prävention dieser Probleme durch die kontinuierliche Einnahme oraler hormonaler Kontrazeptiva (OCs) möglich ist.

   

 

Langzyklen nur für Einphasen-Pillen geeignet

Auch bei der Einnahme der OCs vom Kombinationstyp, die pro Pille immer eine konstante Dosis eines Gestagens und des Estrogens Ethinylestradiol enthalten, hat sich in diesen letzten Jahren ein Wandel vollzogen. Da die regelmäßigen Hormonentzugsblutungen nach der Pilleneinnahme ebenso wie die normale Menstruation noch mit Beschwerden und einer Beeinträchtigung der Lebensqualität sowie der ungünstigen Beeinflussung menstruations(zyklus)abhängiger Beschwerden einhergehen können, wurde zunächst vereinzelt und in den letzten Jahren auch im größeren Umfang die Einnahme der OCs vom Kombinationstyp variiert. Die monophasischen Mikropillen können bei entsprechendem Wunsch der Anwenderin bzw. bei einer medizinischen Indikation entweder angepasst an den normalen mensuellen Zyklus pro Jahr zyklisch 13-mal, oder im Sinne eines Langzyklus mit nur noch 2-6 jeweils 7-tägigen Pausen oder auch in Form einer kontinuierlichen Langzeiteinnahme ohne einnahmefreies Intervall über größere Zeiträume verabreicht werden. In den 7-tägigen einnahmefreien Intervallen treten die Hormonentzugsblutungen ein, die jedoch bei längerer Anwendung auch ausbleiben können ("silent menstruation").

 

 

 

 

 

 

 

 

Generell muss also zwischen
• der konventionellen zyklischen Anwendung ( 3 Wochen Pillneinnahme - 1 Woche Pause)
• dem Langzyklus und
• der Langzeiteinnahme (-anwendung) unterschieden werden .

 

   

Langzyklus

   

Der Begriff Langzyklus sollte entsprechend des Begriffes Zyklus zeitlich begrenzt verwendet und vom Begriff der Langzeiteinnahme abgegrenzt werden. In einem Kalenderjahr sollten wenigstens 2 oder mehrere Langzyklen möglich sein, d. h. der längste Langzyklus mit pausenloser Einnahme sollte sich nicht länger als über ein halbes Jahr erstrecken. Beim Langzyklus schließt sich im Allgemeinen an die ununterbrochene Einnahme der jeweiligen Pillen mit gleicher Zusammensetzung aus 2 bis maximal 9 Blistern ein 7-tägiges einnahmefreies Intervall (Einnahmepause) an, in dem es zwischen dem 2. und 5. Tag zur Hormonentzugsblutung kommen kann. Je nach gewähltem Modus, der selbstverständlich immer individuell variiert werden kann, blutet die Anwenderin im Kalenderjahr nur noch zwischen 2- und 6-mal. Je länger der Langzyklus gewählt wird, um so größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass es zu einer "silent menstruation" kommt, d.h. die Hormonentzugsblutung bleibt in der 7-tägigen Pause aus.

Favorisiert wird weltweit der 63-oder 84-tägige Einnahmemodus der Pillen aus 3 oder 4 Blistern mit anschließendem 7-tägigen einnahmefreien Intervall, d. h. 7-tägiger Pillenpause mit Hormonentzugsblutung. Bei der 84-tägigen Einnahme aus 4 Blistern tritt nur noch 1-mal pro Quartal, also nur noch 4-mal jährlich, eine Blutung ein.

Besonders die 84-tägige Anwendung bei der die Pille über eine Jahreszeit, eine Saison oder ein willkürlich gewähltes Vierteljahr, oder angepasst an den Biorhythmus der Anwenderin eingenommen wird, hat den Vorteil, dass saison- oder jahreszeitlich bedingte zyklische Schwankungen durch diesen saisonalen Langzyklus ausgeglichen bzw. vermieden werden können. Dieser saisonale Langzyklus gestattet ein individuelles  Eingehen auf die Symptomatik der Anwenderin und findet bei Anwenderinnen und verordnenden Frauenärzten zunehmende Akzeptanz.

Je nach Erfordernissen, Indikation oder Wünschen der Anwenderin kann der Langzyklus und auch die Langzeiteinnahme individuell gestaltet werden. Die Länge des individuellen Langzyklus kann beliebig variiert werden. Bedeutsam ist, dass die eingelegte Pillenpause nie 7 Tage überschreitet, unabhängig davon, ob sich die Hormonentzugsblutung einstellte oder eine "silent menstruation" vorlag.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Langzeiteinnahme - 1 Jahr und länger

   

Bei der Langzeiteinnahme legen die Anwenderin und der behandelnde Arzt gemeinsam fest, wie lange die Einnahme der Pille ohne Pause erfolgen soll . Erfahrungen liegen sowohl mit 1-jähriger als auch mit längerer Einnahme. Besonders bei Zyklusstörungen, zyklusabhängigen gynäkologischen Erkrankungen, zyklusabhängigen Grunderkrankungen oder Situationen, bei denen keine Hormonentzugsblutungen erwünscht sind, kann die individuelle Langzeiteinnahme auch über Jahre indiziert sein,

 

   

Mikropillen

   

Zum Langzyklus und zur Langzeiteinnahme eignen sich nur Einphasenpräparate, am besten Mikropillen mit konstanter Ethinylestradiol- und Gestagendosis, da bei der Einnahme von Zwei- und Dreistufenpräparaten durch die Hormonschwankungen von Blister zu Blister regelmäßig Zusatzblutungen auftreten können. Die Ethinylestradioldosis liegt in den Mikropillen zwischen 15 und 30 µg, aber nicht darüber.

nur mono-phasische Mikropillen:

Valette
Yasmin
Petibelle
Belara
Microgynon
NuvaRing (Scheidenring)

   

Indikationen

   

Die Verordnung von Mikropillen für den Langzyklus oder die Langzeiteinnahme ist immer dann indiziert, wenn die Menstruation für die Patientin ein Risiko darstellt oder die Lebensqualität nachteilig beeinflusst. Dies kann bei verschiedenen Zyklusstörungen, bei zyklusabhängigen gynäkologischen Erkrankungen bei zahlreichen  zyklusabhängigen Grunderkrankungen sowie einer Fülle von Ereignissen, die vom Wunsch der Anwenderin bis zu den Androgenisierungserscheinungen reichen, der Fall sein.

Zyklusstörungen

Gynäkologische
Erkrankungen

zyklusabhängige
Erkrankungen

Diverses

Blutungsstörungen

Endometriose

Epilepsie

Wunsch der Frau

lange, starke Blutung

Uterus myomatosus

Diabetis mellitus

Ferien / Urlaub

Zwischenblutung

 

Depression

Leistungssport

Prämenstruelles Syndrom

 

Migräne (Pillenpause)

Androgenisierung
      Haarausfall
      Akne
      Hirsutismus

Dysmenorrhoe

 

Eisenmangelanämie

Antikoagulatientherapie

   

M. Crohn

 

 

   

Sicherheit - Der Langzyklus ist sicherer als die zyklische Einnahme.

   

Mit dem Langzyklus und folglich auch mit der Langzeiteinnahme wird die ohnehin bereits hohe kontrazeptive Sicherheit der Mikropillen weiter erhöht. Die ovarielle Suppression wird verstärkt und die möglichen Folgen von Anwendungsfehlern werden durch die kontinuierliche Einnahme reduziert. So ergeben sich beim einmaligen Vergessen von einem oder mehreren Dragees, aber auch bei kurzzeitigem Erbrechen bzw. schwerem Durchfall in der Regel keine weiteren Konsequenzen. Jede Verkürzung des einnahmefreien und damit hormonfreien Intervalls auf 5 oder weniger Tage erhöht den kontrazeptiven Schutz, da es kaum noch zur Follikelreifung kommt. Die Wirkung der Gestagene auf den Zervixschleim führt im Langzyklus oder bei der Langzeiteinnahme ebenfalls zu einer Erhöhung des kontrazeptiven Schutzes sowie zu einer Reduzierung der aszendierenden bakteriellen Infektionen. Der Pearl-Index wurde für den saisonalen Langzyklus  mit 0,6 und damit 3-mal niedriger als bei der konventionellen zyklischen Einnahme der gleichen Mikropille berechnet.

   
     

Nebenwirkungen und Kosten

   

Bei der konventionellen zyklischen Einnahme der Mikropillen treten in den ersten 3 Einnahmezyklen gehäuft wieder subjektive Nebenwirkungen in Form von Übelkeit, Erbrechen, Brustspannen und Völlegefühl, oder aber abgeschwächt noch die Symptome des prämenstruellen Syndroms auf. Durch den Langzyklus oder die kontinuierliche Langzeiteinnahme werden diese Symptome erheblich weiter reduziert und die durch den Hormonspiegelabfall im einnahmefreien Intervall auftretenden Symptome wie Migräne, Kopfschmerzen, Dysmenorrhö, Menorrhagie u. a. entfallen oder werden wesentlich abgeschwächt , und vor allem die Hygiene wird verbessert. Nach dem derzeitigen Erkenntnisstand und aufgrund der Mitteilungen in der Literatur gibt es keine Hinweise darauf, dass es durch den Langzyklus oder die Langzeiteinnahme häufiger zu Nebenwirkungen kommt als durch die konventionelle zyklische Einnahme der Mikropillen.

Im Langzyklus waren Krämpfe im Unterbauch und Kopfschmerzen signifikant sowie Gewichtsschwankungen und Müdigkeit wesentlich seltener als bei der zyklischen Einnahme der Mikropillen . Alle mit der Menstruation auftretenden Beschwerden, wie Dysmenorrhö, Menorrhagie, Hypermenorrhö, Migräne in der Einnahmepause, depressive Verstimmungen in der Einnahmepause einschließlich prämenstruellen Symptomen mit Völlegefühl, gespanntem Abdomen u. a., werden reduziert oder aufgehoben .Fettstoffwechsel und Hämostase werden nach einjährigem Langzyklus nicht nachteilig beeinflusst.

Im Vordergrund stehen unter den unerwünschten Nebenwirkungen im Langzyklus und der Langzeiteinnahme, ähnlich wie bei der konventionellen zyklischen Einnahme, die Zusatzblutungen, die als Schmierblutungen (Spottings) mit einer maximalen Dauer von 3 Tagen oder als Durchbruchblutungen auftreten können.

Je länger der Langzyklus gewählt wird, um so größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass sich eine "silent menstruation" einstellt.

Bei der Langzeiteinnahme geht die Zyklizität verloren und eine monotone Gleichschaltung für diesen Personenkreis erfolgt. Durch den Wegfall des einnahmefreien Intervalls im Langzyklus benötigt die Anwenderin mehr Blister pro Jahr. Im saisonalen Langzyklus (84 + 7-Rhythmus) sind dies im Vergleich zur konventionellen zyklischen Einnahme 3 Blister mehr . Diese Mehrkosten heben sich durch die Reduzierung der Blutungstage und einen dadurch bedingten Minderverbrauch an Sanitärprodukten weitestgehend wieder auf.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

     

Blutungsverhalten

   

Ähnlich wie bei der Anpassung an die konventionelle zyklische Mikropilleneinnahme, die Einnahme von Minipillen oder an eine Gestagen-Langzeiteinnahme können Zusatzblutungen, meist Spottings, seltener Durchbruchblutungen, auch im Langzyklus oder bei der Langzeiteinnahme auftreten. Diese Zusatzblutungen setzen häufig erstmals in der 4.-6. Einnahmewoche des Langzyklus ein und nehmen anfangs etwas zu, um dann kontinuierlich mit der Einnahmedauer abzunehmen. Diese Zusatzblutungen werden allerdings in Abhängigkeit vom Gestagen, der Disposition der Anwenderin, besonders auch nach dem Wechsel von einem anderen Präparat mit der Einnahmedauer immer seltener und schwächer. Die Inzidenz von Zusatzblutungen ist bei der konventionellen zyklischen Pilleneinnahme in Abhängigkeit von der Estrogendosis und den unterschiedlichen Gestagenen wesentlich größer als im Langzyklus. Mit zunehmender Gewöhnung an den gewählten Langzyklus normalisieren sich die Blutungsstörungen meist von allein. Bei den meisten Anwenderinnen kommt es nur zu einer Zusatzblutung im Langzyklus.

Bei Frauen, die vor der Pilleneinnahme keine Zusatzblutungen im normalen Zyklus hatten, treten die Zusatzblutungen ebenfalls am häufigsten im ersten Langzyklus auf unabhängig davon ob sie Neustarterinnen sind oder die gleiche Pille weiter einnehmen oder aber Wechslerinnen von einer anderen Mikropille sind. Etwa 2 Drittel der Zusatzblutungen dauern 1 oder maximal 2 Tage an.

Die Behandlung der Zusatzblutungen kann in Abhängigkeit vom Wunsch der Patientin in unterschiedlicher Weise vorgenommen werden:

• Dosisverdopplung für die Dauer der Zusatzblutungen (maximal 3-5 Tage) mit   Einnahme am Morgen       und  am Abend oder
• Einlegen einer Einnahmepause über 3 Tage und Umwandlung der Zusatzblutung
   in eine Hormonentzugsblutung.


Hormonentzugsblutungen

Bei fast allen Frauen werden die Hormonentzugsblutungen im Langzyklus schwächer und/oder kürzer. Der Gesamtblutverlust wird geringer. Mit der Dauer des Langzyklus bleibt bei immer mehr Frauen die Hormonentzugsblutung aus und es kommt zu einer "silent menstruation". Nach einer halbjährigen oralen Einnahme blieb bei 50 % der Anwenderinnen die Hormonentzugsblutung aus und nach kontinuierlicher 1-jähriger oraler Einnahme war dies bei 88 % der Fall. Falls die Hormonentzugsblutung im einnahmefreien Intervall während des Langzyklus wiederholt ausbleibt und dieser Umstand der Anwenderin unangemessen erscheint, so kann auf die konventionelle, zyklische Einnahme über 21 Tage mit anschließender 7-tägiger Pause zurückgekehrt werden. Innerhalb eines Vierteljahres treten dann die Abbruchblutung wieder regelmäßig ein.

   
     

Reversibilität

   

Die starke Unterdrückung der Ovarialfunktion ist voll reversibel. Nach dem Absetzen beginnt die Follikelreifung und durch die ansteigende endogene Steroidhormonbildung reagiert auch das Endometrium.  Menstruationsblutungen setzen wieder ein. Innerhalb eines Vierteljahres ist die Normalisierung des Zyklus vollzogen. Es wird davon ausgegangen, dass nach Beendigung des Langzyklus/der Langzeiteinnahme innerhalb eines Jahres die gleichen kumulativen Schwangerschaftsraten von ca. 90 % erreicht werden, wie sie nach dem Absetzen der Pille oder der Entfernung der Kupfer-, Silber- oder Hormonspiralen bekannt sind. Nach dem aktuellem Stand der Daten ist die Fruchtbarkeit nach dem Absetzen der Pille nicht beeinträchtigt.

   
     

Schlussfolgerungen

   

Die Akzeptanz und Toleranz für die unterschiedlichen Varianten des Langzyklus ist sehr groß. 85 % der Anwenderinnen, die ein halbes Jahr den Langzyklus praktiziert haben, entscheiden sich für die Fortsetzung dieses Regimes. Generell sollten die Pillenanwenderinnen – wie auch bei der konventionellen zyklischen Anwendung – immer darauf hingewiesen werden, dass es im 1. Langzyklus gehäuft zu Zusatzblutungen kommen kann, vor allem bei Pillenstarterinnen und -wechslerinnen. Bei vorheriger konventioneller zyklischer Einnahme desselben Präparates treten wesentlich weniger Zusatzblutungen auf. Mit längerer Anwendung von Langzyklen bleiben die Hormonentzugsblutungen häufiger aus und es kommt zu wiederholten "silent menstruation" bei gleichzeitiger stetiger Abnahme des Auftretens von Zusatzblutungen.

Nachdem sich auch der Zürcher Gesprächskreis mit dem Langzyklus wiederholt beschäftigte und seine Empfehlungen (2001, 2003) dazu mitteilte, ist es durchaus angemessen, auch mit den in Deutschland offiziell für den Langzyklus noch nicht zugelassenen Mikropillen die berechtigten Wünsche der Anwenderinnen zu respektieren und im Rahmen der Therapiefreiheit den Langzyklus und die Langzeiteinnahme vor allem bei den zahlreichen medizinischen Indikationen zu praktizieren.

   
     

Auszüge aus:
Prof. Dr. Gunther Göretzlehner, in :  Menopause und Contraception - Jahr 5 - Ausgabe 1 - Februar 2005

Mit freundlicher Genehmigung durch Autor und HEXAL AG

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